Zwischen Mittelmass und Looser befindet sich eine Mörderseele

2 schlechte Nächte hinter mir. Die erste hat die 2. getriggert. Karussell ohne Ende.

Vorgestern kam mir mein Vater in den Sinn. Wie er an seinem letzten Tag sich seinen langen schweren Mantel anzieht. Aus dem Haus geht. Richtung Waldrand, runter vom Berg, wo meine Eltern wohnten. Sich auf eine Bank am Waldrand setzt. Einen Moment in sich reinfühlt. Traurig, vielleicht auch verzweifelt. Gedanken über sein Leben. Trauer vor allem. Wie er dann seinen Revolver nimmt, eine Smith & Wessen, Kaliber Magnum 365 (oder so, ich weiß es heute nicht mehr genau). Kurzlaufwaffe, ein irrer Durch- und Rückschlag. Er weiß das. Hat damit ja auch oft genug auf dem Schießstand geschossen. Müde, so meine Vorstellung, steckt er sich die Waffe in den Mund. Das Loch, das am Hinterkopf bleibt, nimmt dem Hinterkopf die Bedeutung. Er besaß auch Dum-Dum-Geschosse, ich vermute, er hat eines genutzt. Die Polizei findet ihn am Folgetag.

Das Gefühl, das ich beschrieben habe, kann ich nur postulieren. Es wäre meines, in derselben Situation. Ich kenne das nur zu gut. Trauer um ein Leben, dass nicht das erfüllt, was es versprochen hat. Oder was ich zumindest mir versprochen habe. Ein gute Ehemann zu sein. Ein guter Vater. Ein toller Liebhaber. Etwas bewegt zu haben, vielleicht in der Forschung oder ein paar Bücher geschrieben zu haben. Von einer Mondfahrt will ich gar nicht erst reden.

Und was ist? Wenn es hochkommt, Mittelmaß. Oder eher lausig. Job auf Einsteigerniveau, mit über 50. Kann meinen Kindern kaum Begleiter sein. Impotent, schambesetzt. Keine Erfüllung, weder auf sexuellem noch auf intellektuellem Niveau. Auch nicht die Vielfalt in mir selbst leben können. Ich fühle mich vom Leben wie auch mir selbst verarscht.

Mit den Gedanken hab ich dann die Nacht gekämpft. Um am folgenden Abend genau dort einzusteigen, aber zusätzlich noch mit Groll auf meinen Ex-Kollegen, das Arschloch, das mich abgesägt hat. Da hab ich dann zusätzlich mir gewünscht, die Smith&Wesson wäre da, und mir das Ganze ausgemalt.

Und heute? Ich denke noch schlechter über mich. Genau weil ich weiß, dass meine Gefühle meinen Ex-Kollegen am liebsten umnieten würden. Ich weiß, dass ich es real nie machen würde, zuviel Ethik und Selbstkontrolle dazwischen. Aber mein Herz, das verdammt mich als Mörder. (Und die Bibel sowieso).

Vielleicht ist es sinnvoll, dass ich meine sozialen Kontakte eingeschränkt habe. So abschreckend, wie ich bin, kann ich mich niemandem mehr ans Herz tragen. Einmal Looser, immer Looser. Ich kann nur versuchen, das wenige, was ich hinkriege, so gut wie möglich zu machen. Und ansonsten viel schlafen. L‘ Enfer c’est les autres: das gilt auch, wenn die geschlossene Gesellschaft ich alleine bin. Erbarmen mit mir selbst? Wo ich Gott nicht spüre, wahrnehme oder sonst wie annehmen kann, ist das Absitzen des Lebens mit Würde und Trauer wohl das letzte, was ich machen kann. Versuchen, wenigstens Mittelmaß zu sein.

~ von Waltkaye - 25. Oktober 2016.

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