Krankheit (Hermann Hesse)

Krankheit

Willkommen Nacht! Willkommen Stern!
Mich dürstet nach Schlaf, ich kann nimmer wachen,
ich kann nimmer denken, nimmer weinen und lachen,
nur schlafen möcht ich gern,
schlafen hundert, tausend Jahr,
und über mir gehen die Sterne hin;
meine Mutter weiss, wie ich müde bin,
beugt sich lächelnd herab, hat Sterne im Haar.

Mutter, lass nimmer tagen,
lass keinen Tag mehr zu mir herein!
So böse, so feind ist sein weisser Schein,
ich kann es nicht sagen.
So viel lange heisse Strassen bin ich gegangen,
mein Herz ist ganz verbrannt –
öffne mir, Nacht, führ mich in Todes Land,
ich habe kein andres Verlangen,
ich kann keinen Schritt mehr gehen,
Mutter Tod, gib mir die Hand,
lass mich in deine unendlichen Augen sehen!

Hermann Hesse

~ von Waltkaye - 29. Juli 2009.

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