Lesermeinung gefragt: Suizid = ein Menschenrecht?

Lieber Leser, wenn Du hier drüber stolperst – was denkst Du darüber?

~ von Waltkaye - 11. Juni 2009.

5 Antworten to “Lesermeinung gefragt: Suizid = ein Menschenrecht?”

  1. suizid ist menschenrecht denke ich
    nur solte man es so anlegen damit in der wohnung nicht allzuviel schweinerei zurückbleibt.
    blut, schuss durch den kopf, gehirn an der wand, ich meine das ernst
    man geht in den wald wo man keinen dreck macht.
    reicht schon dass die die einen finden einen entsorgen müssen.
    denk mal an den mann auf den schienen
    wenn die koerpertile die scheiben runterrutschen und lokführer sowas nicht mehr vergessen kann und psychologische hilfe braucht.

  2. ich denke auch jedem sollte die entscheidung selbst überlassen sein.

  3. ich gehe mit meiner meinung sogar einen schritt weiter. es sollte nicht nur das recht sein, sondern der staat sollte eine möglichkeit schaffen, wie dies auf gute weise – mit zwingendem vorlauf in form von gesprächen etc – in einem würdigen rahmen durchgeführt werden kann.

  4. OK, ich war gerade Leser deiner Frage und werde dir (m)einige Gedanken hinterlassen.

    Kurze Antwort oder lange Antwort? Ich bin einer der Sorte die gern und viel reden und so manchmal auch Leuten auf den Wecker gehen. Aber ich kann nicht anders. Also wird es wohl wieder eine lange Antwort 🙂

    Was ist Menschen-recht? *)
    Haben Menschen recht?
    Kurz:
    Ja, wir haben ein Recht. Doch (er)kennt kaum einer dieses Recht. Und keiner von uns ist in der Lage, es selbst-ständig zu ergreifen. Mensch kann deshalb nicht Selbst-Gerecht werden.
    🙂

    *) solche Bindestriche in Worten sind bei mir immer gewollt!

    Doch so denken wir nicht hier in dieser Welt.

    „Menschenrecht“ wird heute in der sog. Demokratie hoch und höher erhoben, weiter und weiter getrieben. Über den Inhalt wird gestritten. Jeder will ja der Maßgebende sein, wenn es um die Inhalte der „Menschenrechte“ geht. Der Eine meint dies, der Andere das. Was gestern noch als Unrecht galt, gilt heute als Recht. Und umgekehrt.

    Bemüht sich ein Mensch im „Menschenrecht“ zu wandeln und bekommt das so leidlich hin, kann ihn das morgen schon um Kopf und Kragen bringen. Spätestens bei jeder politischen Wende fordert das Opfer. Im Betrieb kann schon ein neuer Chef der Auslösende sein. Im persönlichen Leben Menschen, die warum auch immer, für uns bedeutend werden und ihr eigenes Maß haben, was denn nun Recht sei.

    In meinem Leben war das oft eine Gratwanderung. Meist habe ich die Kurve noch rechtzeitig gekriegt, gelegentlich allerdings ging‘s auch gegen einen Baum.

    In diesem Dilemma ist auch jede religiöse Welt.
    Die christliche Welt kann Lieder davon singen.
    Aktuell auch die internen Streitigkeiten im Islam.
    Hier ja nun gibt es gar Stimmen, die Selbstmord nicht nur als Menschenrecht sondern als Menschenpflicht ansehen, wenn dabei Falschgläubigen zum (möglichst qualvollen) Ableben verholfen wird. Dieser Selbstmord bringt einem Manne dann noch 70 Jungfrauen und ewige Höchstpotenz ein … sagt man so.

    In jeder Beziehung, eben gerade auch in jeder Familie leiden Menschen trotz vermeintlich guten Wollens in diesem Dilemma. Wo ist da Orientierung?

    Ich, für mich selbst, habe kein Problem mehr damit, wenn ein Mensch Selbstmord machen möchte oder auch gemacht hat. Es ist eine von vielen Handlungen, die wir in diesem Erdenleben halt machen. Es geschieht, was geschieht.

    Bei der Telefonseelsorge, der Begleitung Sterbender im Hospizdienst und auch in persönlichen Gesprächen hatte ich auf die eine oder andere Weise zeitweise Gemeinschaft mit Menschen, denen eben das Thema wichtig geworden war und die mit mir darüber reden wollten und konnten.
    Es ist übrigens verbreiteter, als man so gemeinhin denkt.

    Nach meinen ersten Monaten bei der Telefonseelsorge war ich wahrlich tief erschüttert, welch ein abgrundtiefes Elend in den Seelen der deutschen Menschen herrscht. Bis dahin kannte ich nur das Schwere meiner Seele mit den Gedanken: Die anderen haben es gut, könnte ich doch so sein wie sie.

    Ich lernte nun mehr und mehr, den anderen Menschen in seinem So-sein lassen zu können und – bildlich gesprochen – nicht mehr selbst mit hinunter zu ihm in sein tiefes Loch zu steigen um ihn herauszuholen. Anfangs aber tat ich eben dies und dann ging es mir gleich auch selbst „Scheiße“.

    In Telefongesprächen – sie sind, und das machte es leichter, ja anonym – konnte ich es dem Anderen als sein „Recht“ lassen, seinen Wunsch nach Selbstmord auch auszuführen. Und ich bemerkte, daß wir auf dieser Basis ganz gut weiter miteinander reden konnten.

    Auch in der Sterbebegleitung (nicht Sterbehilfe!) kam dieses Thema auf. Da besuchte ich beispielsweise einen alten Menschen, der immer wieder unter unsäglichen Schmerzen litt. Nach und nach wurden unsere Gespräche vertrauter. Er hatte mir aus seiner Kindheit erzählt: Eltern im Krieg verloren, Kinderheim bei „frommen“ Schwestern (böse böse), Pflegeeltern (hart) …

    Jetzt, im hohen Alter, wollte er nur noch sterben. Nicht irgendwann. Bald.
    Er hatte schon oft Tabletten gesammelt, welche aber die Angehörigen gefunden hatten. Sie sorgten sich ja, wollten ja nur das Beste (… für sich, vermute ich einfach mal, da sie mit Sterben und Tod nicht klar kamen).

    Wir beide sprachen ganz offen. Er erzählte mir so auch von den Varianten, die er in Betracht zog.
    Eine war, aus dem Fenster zu springen. Ich wies daraufhin, daß das nicht fair ist in Bezug auf die Menschen, die den Körper finden würden: Blut, zerschlagener Leib, Gehirn auf der Straße …

    Wir sprachen auch über das „Was geschieht mit uns danach?“ Er war einer, der irgendwie schon „an“ Gott glaubte. Und er glaubte mir schon, daß ich Gott vertraute wenn ich davon sprach, daß Gott noch nicht fertig ist mit unserem Werden machen und Gott es mit ihm und auch mit seinen früheren Peinigern noch hinbekommt. Gut hinbekommt.

    Der Mensch nahm später eine Überdosis Tabletten.
    Ich durfte bei der Beerdigung seine Leibes dabei sein. Ein schöner Sommertag und ein schönes Lied, über den ganzen Friedhof ertönend: „Spiel noch einmal für mich, Habanero“. Er hatte es sich eben dafür ausgesucht ( https://www.youtube.com/watch?v=CJcGJjg4DPM ).

    Ich weinte, war irgendwie innig mit diesem Menschen verbunden.
    Er ist seinen Erdenlauf gegangen … und harrt nun auf das , was da kommt – denke ich 🙂

    Ich hatte auch andere Erfahrungen machen dürfen.

    Mich suchte ein Mensch auf. Ein gemeinsamer Freund hatte ihn zu mir geschickt. Er war am Ende, wollte mit dem Auto gegen einen Baum fahren, doch zuvor noch seinen Ehepartner töten.
    Das war hart für mich. Ich konnte mit niemanden darüber reden – gleich, wie das ausgehen sollte. Ich war innerlich nicht in der Lage, wußte irgendwie: Da müssen wir beide jetzt durch, gleich was wird. Es wurde eine schwere Zeit. Ja, auch für mich.

    Damals begleitete ich schon Menschen auf dem Weg, mit ihren Gefühlen etwas vertrauter zu werden. Und darauf konnte sich dieser Mensch auch einlassen. Au, da war Wut und Haß im Übermaß.

    Zum Ende hin entpuppte sich der Haß auf seinen Ehepartner als Haß gegen einen Elternteil. Dieser Haß war so groß, daß dieser Mensch noch nie das Grab dieses Elternteils besucht hatte. Er konnte es nicht. Die Wende kam, als er den ganzen Haß gegen sein Elternteil innerlich freien Lauf lassen konnte. Und da – innerlich erlaubt – brach sich wirklich ein riesen Haß die Bahn: Er brachte den gehaßten Elternteil um, würgte ihn und stach auf ihn ein. Nicht wirklich, nein. Das war ein innerliches Geschehen. Erklären kann ich es nicht. Es geschah eben so.
    Und dann das erlösende Wort ausgerufen, laut und erleichtert: Jetzt ist er tot. Entspannt und ruhig war er da.

    Als Hinweis hier nochmals: Das alles lief bei ihm im Inneren, mit lauten Worten zwar, doch inneren Bildern und Gefühlen ab. Der Körper reagierte dabei schon auch heftig, doch lag der Mensch auf einer Couch. Während der ganzen Zeit berichtete er mir lediglich laufend, was er fühlte, spürte, innerlich sah oder welche Gedanken kamen. Ich ermunterte ihn, sich diesem hinzuwenden, dies alles laut oder leise anzusprechen. So, als würde es sich um Lebewesen handeln. Und da entwickelte sich halt eine innere Geschichte, mit Folgen für innen und außen.

    Einige Tage später war er dann das erste mal am Grab seines Elternteils, mit Blumen. Er berichtete mir: wo einst Haß gegen war da ist jetzt ein Gefühl der Liebe für ihn. Wie sich gezeigt hatte, war der Ehepartner die ganze Zeit Stellvertreter des gehaßten Elternteils gewesen. Und der gehaßte Elternteil war einfach nur sein eigenes innere Bild von eben diesem Elternteil, entstanden aus seinen eigenen Gedanken, seinen eigenen Berechnungen. Sein innerer Haß richtete sich gegen das Elternteil, wie er sich vorgestellt hatte, daß er sei.

    Komisch ist das schon. Doch eben dies habe ich immer und immer wieder bei mir und anderen erfahren dürfen: Unsere eigenen inneren Berechnungen unserer Seele sind es, die uns die Welt und die Menschen so darstellen, wie wir sie innerlich sehen: Ganz nach unseren Berechnungen.
    Dann auch Ent-Täuschungen, wenn wir merken, daß wir falsch berechnet, falsch gedacht haben.
    Doch wann rechnen wir richtig?

    Sein hin und her bezüglich Suizid plagte ihn noch eine Weile.
    Jetzt ist es lange schon Geschichte.
    Und – was er seinerzeit nicht ahnen konnte – heute noch ist er dankbar für diesen harten Weg.

    DAS werden wir einst alle sein.
    Nur wenige schon in diesem Erdenleben,
    doch am Ende unseres Werdens alle – so mein Vertrauen.

    Ist Suizid nun ein Menschenrecht?

    Die Frage – so denke ich – geht daneben.
    Menschen können keine wahrhaftige Antwort darauf geben.
    Dazu müßten sie erst selbst Wahrhaftige sein.
    Sind sie aber nicht.

    Der eine Mensch tut‘s, der andere nicht.
    Wer ist am Ende besser dran?
    Keiner.

    Wer nun sich unter dem Gesetz des Sinai (oder wie man es immer nennen mag) stehen sieht kann ja versuchen es zu halten. Viel Spaß auch dabei 😦

    Ich stehe nicht unter diesem Gesetz.

    –—-
    Nachbemerkung: Wenn ich hier andere Menschen erwähne, dann ohne Hinweis darauf, ob männlich oder weiblich. „Mensch“ und „er“ kann also alles sein.

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